Als die Bilder laufen lernten

 Ein außergewöhnlicher Traum

 

Ins Leben geträumt

 

 

Ich saß an einem Tisch im Freien. Vor mir lag ein großes, von mir gezeichnetes Bild.

Es zeigte im Vordergrund einen Kopf mit einem überdimensionalen Bart.

 

Ein Stück vor mir stand ein Mann. Er schien nicht ganz „normal“ zu sein.

Ich beobachtete ihn eine ganze Weile.

 

Mein Bleistift fiel hinten vom Tisch runter und rollte ein wenig weg. Ich versuchte ihn mit meinem rechten Fuß unter dem Tisch hindurch zu erreichen. Das klappte nicht. Er war zu weit weggerollt. Der Mann beobachtete das und schubste den Bleistift mit seinem rechten Fuß etwas an, damit er in meine Richtung rollte. Nun konnte ich ihn mit meinem Fuß erreichen. Ich dankte ihm und dachte mir, er hätte ihn auch aufheben und mir geben können. Aber ok. Es ist, wie es ist. Er fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe und nahm nach meiner einladenden Geste schräg gegenüber Platz.

 

Ich betrachte mein Bild. Im Hintergrund des Bildes – also hinter dem Mann mit dem großen Bart, den ich gezeichnet hatte – war das Bild lebendig geworden. Ein Kind lief vorbei, vergnügt und spielend. Auf der anderen Seite des bärtigen Mannes war ebenfalls reges Treiben im Gange.

 

Der Mann, der sich zu mir setzte, deutete auf den riesigen Bart. Der Bart erschien nun in Großaufnahme und zeigte unzählige zeichnerische Striche, Bögen, Kringel. Verbindungen – wie ein riesiges Labyrinth aus Zeichen. Er meinte: „Sooo viele …“ Ich betrachtete kurz dieses Bild, das sich mir bot und war selbst erstaunt, was ich da gezeichnet hatte. Ich sagte zu ihm: „Und so lebendig!“ und zeigte ihm, was sich in dem Bild alles ereignete: „Hier... das und das... - und hier läuft gerade ein Kind rüber…“

 

In dreidimensionaler Sicht konnten wir verfolgen, was gerade auf, bzw. in dem Bild vorging. Meine Zeichnung, mein Bild, das ich in meinen Händen hielt, zeigte wie ein Film, was gerade geschah. Der Kopf mit dem großen Bart war dabei im Vordergrund. Er schien, als befände er sich an vorderster Front, schon gar nicht mehr im Bild, aber dennoch mit dem Bild verbunden. Wie eine unbewegte Silhouette, eine Kontur im Vordergrund und dahinter, in dem Bild, „lief der Film“.

 

Ich war nun der Beobachter der Szenerie. Ich wußte, ich könnte aber auch darin eintauchen. Es ist wie ein Hineingehen. Erst ist es ein Bild. Dann wird es als lebendig wahrgenommen. Man betrachtet es intensiver und näher und näher. Es ist eine gewisse Faszination da, man will mehr sehen, es genauer sehen. Man will „vor Ort“ sein. Es kommt immer näher, wird lebendiger und schon ist man mitten drin.

 

Aus dem Beobachter wird unbemerkt ein Akteur, ein Beteiligter. Aus dem Zeichner werden ein Beobachter und dann ein Akteur. Und dabei vergisst man sich selbst. Man schlüpft in eine selbst gewählte Rolle. Die Rolle, in der man etwas erfahren, erleben möchte.

 

Soweit der Traum.

Dieser überdimensionale Bart aus meinem Traum stellt für mich eine Metapher dar für das Leben selbst.

Dieser „Bart“ meint in meinem Traum Gott, das EINE, das Ganze. Mit all seinem Potential. Alles was ist.

 

Aus diesem Potential wird gewählt. „Man“ macht sich „sein“ Bild.

Der Zeichner schlüpft in seine gewählte Rolle und identifiziert sich damit.

Und vergisst ganz, wer oder was „man“ wirklich ist.

„Man“ vergisst, daß „man“ nicht die Rolle ist, nicht die Person. Und nicht einmal der Beobachter.

 

Heißt das nicht auch:

Der "Zeichner" kann jederzeit bewusst ein anderes Bild „zeichnen“ und in die Wirklichkeit bringen.

Um einzutauchen in andere, gewünschte Erfahrungen.

 

Traum, 11.12.2017

 

Träume

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